Brandenburgische Ameisenschutzwarte e.V.
 
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Dr. Gösswald
Dr. Karl Gösswald

 

 

 

Ameisenforschung in Eberswalde - ein historischer Rückblick und aktuelle Arbeiten
Katrin Möller

Der nachfolgende Beitrag wurde 1998 als Vortrag zur Gründungsveranstaltung der Brandenburgischen Ameisenschutzwarte e. V. gehalten gehalten und in der "Ameisenschutz
aktuell 2/99" publiziert. Er dokumentiert - ohne Anspruch auf Vollständigkeit - die Berührung der Eberswalder Forschungs- und Lehrstätten mit den Roten Waldameisen im weiteren Sinne.
 
Prägend für die Beschäftigung Eberswalder Wissenschaftler mit dem Forschungsobjekt Rote Waldameise war sicherlich die dortige zeitweise Tätigkeit Karl Gößwalds.
Er war ab 1942 an der Preußischen Versuchsanstalt für Waldwirtschaft Leiter der Abteilung Ameisen- und Termitenforschung. Vom Interesse der Zeitgenossen Gößwalds an Ameisen zeugen viele erhaltene Zeitungsausschnitte. So pries zum Beispiel die Kölnische Zeitung Nr. 17, 1937 die Haltung von Ameisen als Haustier unter der Überschrift an: Ameisen fürs traute Heim. Der Kärtner Grenzruf 105, 1939 betitelte einen Artikel mit: Die Waldameise - unser öffentlicher Freund Nr. 1.

Der intensive Schriftwechsel zwischen Karl Gößwald, der vor Arbeitsaufnahme in Eberswalde an der Biologischen Reichsanstalt für Land- und Forstwirtschaft in Berlin tätig war, und Fritz Schwerdtfeger, dem Abteilungsleiter Waldschutz der damaligen Preußischen Versuchsanstalt für Waldwirtschaft, zeugt von einer intensiven Zusammenarbeit beider bevor Gößwald in Eberswalde arbeitete.
In den Briefen berichtete Gößwald sehr ausführlich über seine Untersuchungen zum Nutzen der Roten Waldameisen. Die Abt. Waldschutz lieferte ihm praktische Informationen für seine Forschung wie Daten zu Nestvorkommen und Ausflugszeiten von Geschlechtstieren. Auch mit Ameisenfutter wird Gößwald durch die Eberswalder versorgt. So bittet Gößwald am 18.4.1939 Schwerdtfeger, da seine Ameisen viel Honig verbrauchen und er die Fütterung auf Raupen umstellen möchte, um 500 Puppen der Kieferneule und Kiefernspanner sowie 1000 Raupen des Kiefernspinners. Die Briefe bringen aber auch die Skepsis Schwerdtfegers zum Ausdruck, dass Waldameisen auch in Kalamitätsjahren die von Gößwald erhoffte Wirkung auf die Phytophagendichten haben.

In einem Tätigkeitsbericht über den Zeitraum April 1942 - März 1943 beschreibt Gößwald u. a. seine Versuche zur Vermehrung der Roten Waldameise. So wurden 1942 allein 66 neue Nester angelegt, deren Entwicklung insgesamt als sehr positiv bewertet wurde. Problematisch war die starke Plünderung durch Puppensammler. Für die Ablegerbildung wurden Königinnen gezüchtet. Weiterhin wurde ein sogenannter „Ameisenversuchswald“ in der Revierförsterei Pechteich eingerichtet, wo alle ermittelten Rassen der Roten Waldameise getrennt angesiedelt wurden. Der Versuchswald sollte dem Studium des Wachstums der verschiedenen Rassen und ihres Verhaltens im Lebensraum, der Heranzucht von Stammmaterial für später geplante Kolonievermehrungen und ergänzende wissenschaftliche Untersuchungen dienen. Er sollte ein Musterwald für den Schutz insektengefährdeter Nadelreinbestände durch die Rote Waldameise werden. Interessant sind auch die Berichte zu Umweiselungsversuchen. Man wollte durch die Umweiselung Nester der aus Forstschutzsicht weniger nützlichen Großen Roten Waldameise in Kolonien der Kleinen Roten Waldameise umwandeln.

1945 erschien die erste Ausgabe des Nachrichtenblattes der Arbeitsgemeinschaft zur Förderung der Waldhygiene durch Vermehrung der Roten Waldameise, deren Geschäftsführer Gößwald war. Herausgeber des Blattes war die Abteilung V der Preußischen Versuchsanstalt für Waldwirtschaft Eberswalde. In dem Blatt weist Gößwald auf die schon 1000 Jahre andauernde Ausrottung der Roten Waldameise hin. Er führt das Sammeln von Puppen als Fisch- und Vogelfutter, die Gewinnung von Ameisenspiritus zu Heilzwecken und die Nutzung des Nestmaterials als Stallstreu an. Gößwald plädiert neben einer Beschränkung der Sammeltätigkeit für ein Verbot des Haltens von Waldvögeln, für deren Fütterung die weitaus meisten Puppen verbraucht werden. Um die Tätigkeit der Puppensammler zu unterbinden, schlägt er die Nutzung von Nestschutzhauben vor. Auch die Aufklärung der Jugend an den Schulen spricht er an. Interessant ist, dass in dem Nachrichtenblatt mehrere Lehrgänge in Eberswalde zur Biologie und zu praktischen Fragen des Ameisenschutzes angeboten werden, wobei der Schwerpunkt dem wissenschaftlichen Kenntnisstand entsprechend auf die Vermehrung und Zucht gelegt wurde.

Gößwald machte sich während seiner Tätigkeit in Eberswalde intensiv Gedanken zur Organisation des Ameisenschutzes. Er ging davon aus, dass der theoretische Schutz durch Verordnungen und die Aufklärungsarbeit in den Händen der Naturschutzbehörden verbleiben sollte. Schulen und Forstbehörden sollten hier unterstützend tätig sein. Forschungsstätten sollten den Rahmen bilden und fortlaufend die wissenschaftlichen Grundlagen zum Schutz und zur Massenvermehrung der Roten Waldameise erarbeiten und den Ausführungsorganen beratend zur Seite stehen. Gößwald benutzte in seinen Ausführungen den Begriff Ameisenschutzwarten im Sinne von Einrichtungen, die in Verbindung mit der zentralen Forschungsstätte zur Schulung von Personal und der praktischen Erprobung neuer wissenschaftlicher Ergebnisse dienen sollten. Seine Bemühungen um die Gründung staatlicher Ameisenschutzwarten blieben aber erfolglos.

Besonders vielfältig sind Gößwalds Studien zur Systematik. Noch 1944 schreibt er aber an die höhere Naturschutzbehörde, daß seiner Meinung nach die Arten auch in Zukunft verwechselt werden, weil es „tatsächlich für den Nichtentomologen schwierig ist, die feinen Unterschiede auseinanderzuhalten“. Die bis dahin auf seine Anregung hin fertiggestellten Farbtafeln konnten wegen des Krieges noch nicht gedruckt werden. Auch der Weggang Gößwalds aus Eberswalde war dem Krieg, der Auflösung der Preußischen Versuchsanstalt, geschuldet.
Auch Gustav Wellenstein hinterließ Spuren in Eberswalde. Er studierte Forstwirtschaft in München, Hann. Münden und auch in Eberswalde. Waldhygiene und biologischer Forstschutz waren Schwerpunkte seiner Forschung. Wellenstein promovierte 1943 in Eberswalde zum Dr. rer. forest.

In den 50er und 60er Jahren wurde die wissenschaftliche Arbeit zur Biologie und Ökologie der Roten Waldameisen unter Prof. Dr. Dieter Otto wieder intensiviert. Er ist seit der Gründung Ehrenmitglied der Brandenburgischen Ameisenschutzwarte. Von seiner Tätigkeit in Eberswalde zeugen eine Vielzahl von Publikationen. Otto habilitierte zum Thema: „Grundlagen, Erfolgsaussichten, Leistungsvermögen und Grenzen des gelenkten Einsatzes der Roten Waldameisen (F. rufa Gruppe) im Forstschutz“. Die Arbeit gibt u. a. sehr ausführlich Auskunft über die Entwicklung der Systematik und die Standortansprüche der einzelnen Arten. Auch Otto führte wieder zahlreiche Versuche zur Wirksamkeit Roter Waldameisen während der Massenvermehrung blatt- und nadelfressender Insekten durch. Obwohl er z. B. in Gradationsgebieten von Kiefernbuschhornblattwespen als auch Eichenschadinsekten den positiven Einfluß hoher Ameisendichten nachweisen konnte (Otto 1959, Otto 1967), sah er dies aber als Sonderfall im Rahmen der gesamten biozönotisch-ökologischen Regelungsvorgänge.

Er beschrieb die begrenzenden Eigenschaften des Biotops, der Biozönoseglieder und der trophischen Faktoren. Otto sah die Wirtschaftstätigkeit und andere Einflüsse des Menschen als in den meisten Fällen entscheidende Begrenzungsfaktoren der Populationsdichten der Waldameisen. Otto betreute während seiner Tätigkeit in Eberswalde eine Vielzahl von Diplomarbeiten über Rote Waldameisen. Somit ist heute interessantes Material für Folgeerhebungen zu Verbreitung, Standortsansprüchen und z. B. der Abhängigkeit der Vorkommen von waldbaulichen Faktoren vorhanden. Eine dieser Arbeiten befasste sich mit einer bis dahin vernachlässigten Form, der „lichtliebenden Stockameise“ (Förster & Hube 1957), die heute als Strunkameise allgemein geläufig ist.

Mit Beginn der 90er Jahre wurden die Kartierungsarbeiten und die Schulung der Forstpraktiker zum Ameisenschutz in Eberswalde wieder verstärkt. Beleg der Arbeiten ist zum Beispiel die in 14 Revieren der Berliner Forsten in Zusammenarbeit mit dem Landesforstamt Berlin und ABM-Beschäftigten durchgeführte Kartierung hügelbauender Waldameisen. Registriert wurden insgesamt 1.476 Völker, davon 660 Formica rufa, 536 F. polyctena (einschließlich der Hybridform F. rufa x polyctena), 116 F. pratensis, 101 F. sanguinea, 62 Nester F. exsecta und 1 Nest F. truncorum. Die Vielzahl aufgenommener ökologischer Faktoren wurde durch eine Diplomarbeit bearbeitet (Schütte 1996). Das Potential an Diplomanden und Praktikanten der 1991 neugegründeten Fachhochschule Eberswalde, mit der die Landesforstanstalt Eberswalde eng zusammenarbeitet, wird für die Bearbeitung von Forschungsthemen zur Biologie und Ökologie Roter Waldameisen genutzt. Eine der Arbeiten wurde als Kurzfassung im Heft 3/98 der „Ameisenschutz aktuell“ vorgestellt (Stowasser & Möller 1998). Die Ergebnisse zeigen deutliche Veränderungen der Populationsdichte und der Artzusammensetzung infolge der Vergrasung durch Stickstoffeinträge in der Dübener Heide. Geplant ist nun vor allem, das Datenmaterial insbesondere der 60er Jahre für Folgekartierungen zu nutzen und so Kausalitäten zwischen Umwelt- und Faunenveränderungen zu suchen. Erste Aufnahmen erfolgten 1996 während eines Studentenprojektes für einen künstlichen Ansiedlungsversuch durch Otto 1961/62. Es konnten 16 Nester in einem Gebiet kartiert werden, wo 55 F- polyctena-Völker angesiedelt worden waren. Interessant ist, dass die künstlich besiedelte Fläche zum Kartierungszeitpunkt bis auf ein Nest im Randbereich wieder ameisenfrei war. Die Nester wurden in der Nachbarabteilung registriert. Diese Wanderungsbewegung war schon durch Otto (1968) bei Kontrollen festgestellt worden.

Forschungsmittelpunkt für die Studenten soll auch das im April 1997 in der Waldschule gemeinsam mit dem Entomologischen Institut Eberswalde eingerichtete Formikarium sein.
Auch bei der Durchführung von Rettungsumsiedlungen engagiert sich die Abteilung Waldschutz heute. So wurden 1996 19 Nester umgesiedelt, die dem Bau von Ausweichstellen am Oder-Havel-Kanal zum Opfer gefallen wären. Die Erfolgsquote ist als positiv einzuschätzen (Möller 1998). 1998 wurden neben Einzelnestern 2 größere Kolonien (F. polyctena und F. exsecta) vom zukünftigen, erst zu beräumenden, Gelände der Landesgartenschau in Eberswalde in den Stadtforst umgesiedelt. Wenn möglich, werden Notumsiedlungen gleichzeitig zur Schulung von Forstpraktikern genutzt.
Mit der Gründung der Brandenburgischen Ameisenschutzwarte besteht nun die Möglichkeit öffentlichkeitswirksamer für den Schutz der Waldameisen, des Ökosystems Wald allgemein, zu arbeiten, eine breite Interessengruppe einzubeziehen und den Erfahrungsaustausch auf Ebene der DASW zu nutzen.

Literatur:
Förster, K.; Hube, H. (1957): Die Verbreitung der Roten Waldameise im Süden der Deutschen Demokratischen Republik und die Abhängigkeit von Standortsfaktoren speziell im Revier Großröhrsdorf. Diplomarbeit. Univ. Berlin, Forstwirtschaftl. Fakultät Eberswalde.
Möller, K. (1998): Zum Erfolg einer Rettungsumsiedlung hügelbauender Waldameisen. Beitr. Forstwirtschaft u. Landschaftsökologie 32/1, S. 34-36.
Otto, D. (1959): Der Einfluss von Waldameisenkolonien auf Eichenschadinsekten in einem Forstrevier des nördlichen Harzrandes. Waldhygiene3/4, S. 65-93.
Otto, D. (1967): Zur Schutzwirkung von Formica polyctena Först. in einem Massenvermehrungsgebiet von Diprion pini L. Zeitschr. angew. Zool. 1.
Otto, D. (1968): Bericht über die vom Institut für Forstwissenschaften Eberswalde von 1955-1964 durchgeführten künstlichen Ansiedlungen von Roten Waldameisen in Kiefern- und Eichenbeständen. Waldhygiene 7/5, S. 133-156.
Schütte, H. (1996): Ameisenkartierung in den Berliner Forsten - eine zusammenfassende Bewertung der gewonnenen Daten zur Biologie und Ökologie der erfaßten Ameisenvölker. Diplomarbeit, Fachhochschule Eberswalde.
Stowasser, M.; Möller, K. (1998): Untersuchungen zum Vorkommen hügelbauender Waldameisen im Rauchschadgebiet der Dübener Heide in Abhängigkeit von der veränderten Bodenvegetation. Ameisenschutz aktuell 3, S. 65-76.